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Der Asylgedanke

getragen von jüdischen Wurzeln

(menora2.jpg; 59 kB)
" ... jedem von euch Schutz, auch den Ausländern, die bei euch zu Gast sind oder ständig bei euch leben."
(Num 35, 15)

" ... denn ihr selbst seid Fremde gewesen" (Lev 19, 34)

gehalten in christlichem Glauben

„Die an vielen Stellen der Bibel beschriebenen Erfahrungen von Vertreibungen, Wanderungen, Sesshaftwerden in einem fremden Land und die Regeln für den Umgang mit Fremden bestimmen wesensmäßig das Selbstverständnis der Kirchen. Daraus leitet sich eine besondere Verpflichtung zur Solidarität mit Migranten ab, mit Menschen anderer Sprache und Herkunft, die aus unterschiedlichen Gründen ihre Heimat verlassen haben.“

Zitat: Zusammenleben gestalten. Ein Beitrag des Rates der EKD zu Fragen der Integration und des Zusammenlebens mit Menschen anderer Herkunft, Sprache oder Religion, EKD-Texte 76, Hannover 2002

"Im Drama der Familie von Nazareth, die gezwungen ist nach Ägypten zu fliehen, erkennen wir die schmerzliche Lebenssituation aller Migranten, besonders der Flüchtlinge, der Verbannten, der Vertriebenen, der Asylanten, der Verfolgten. Wir erkennen die Schwierigkeiten jeder Migrantenfamilie, die Entbehrungen, die Demütigungen, die Bedrängnis und die Schwachheit von Millionen und aber Millionen Migranten, Flüchtlingen und Asylanten.

Die Aufnahmebedingungen für Flüchtlinge und Asylsuchende sollten jederzeit die Achtung ihrer Menschenwürde gewährleisten. ... Die Tugend der Solidarität gegenüber denen auszuüben, die nach Europa kommen, um ein bessere Leben zu finden, ist eine Herausforderung für alle von uns, als Christen und als Europäer."

Zitat: Erklärung der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft im Hinblick auf eine gemeinsame Asyl- und Einwanderungspolitik, 30.3.2001

"Kontakte zwischen der Bevölkerung und den neu Ankommenden müssen eröglicht werden. ... Flüchtlinge haben das Bedürfnis nach Kommunikation und einen Anspruch auf Teilhabe, selbst wenn ... nicht feststeht, ob sie dauerhaft bleiben können. ...

Blicken wir auf den europäischen Kontext ... erfüllt uns die Entwicklung des Flüchtlingsschutzes mit Sorge. Denn es erscheint so, als ob sich Europa seiner Verantwortung für Flüchtlinge in erheblichem Umfang entziehe ... . Erschreckende Bilder von Menschen, die bei dem Versuch ertrunken sind, das europäische Festland zu erreichen, stoßen sich scharf mit den christlich-abendländischen Grundwerten von Freiheit, Menschenwürde und Unverletzlichkeit der Person ..." Es wächst die Zahl derer, die " einen Weg des Überlebens ohne Papiere in Europa suchen. Ohne jeglichen Nachweis ihrer Identität führen zu können, sind diese Menschen in ihrer Würde besonders bedroht."

Bischof Dr. Wolfgang Huber - Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, Gemeinsames Wort der Kirchen zur Woche der ausländischen Mitbürger 2008

„Christlichen Gemeinden müssen in der Gemengelage von oft unzureichender Information und emotionaler Vorbelastung … dem Menschen im Fremden zu begegnen versuchen. Innere Barrieren werden überwunden vor allem durch sachliche Information über das Einzelschicksal des Fremden, seine Herkunft, Kultur und Religion. Ein Schwerpunkt sollte deshalb in der Bildungsarbeit der Gemeinden gesetzt werden, um Einheimische und Fremde zur gegenseitigen Begegnung zu befähigen, zu ermutigen und die Begegnung zu fördern. Das Bemühen, durch gegenseitiges Kennenlernen zu gegenseitiger Akzeptanz zu finden, kann durch ein ökumenisches Eintreten für den interreligiösen und interkulturellen Dialog Signale setzen und die Wirkung verstärken. 
 
Eine Reihe von Schwierigkeiten behindern das Gespräch in den christlichen Gemeinden … die ungenügende Verwurzelung im eigenen Glauben; ungenügende Kenntnis von und fehlendes Verständnis für Kultur, Glaube und Praxis anderer Religionen, was zu einem Mangel an Wertschätzung für deren Bedeutung und manchmal zu völlig falschen Vorstellungen führt … Selbstzufriedenheit und Mangel an Offenheit, aus denen sich defensives oder aggressives Verhalten herleiten kann; Misstrauen … polemische Gesinnung; Intoleranz, vermischt mit politischen, wirt- schaftlichen und ethnischen Vorurteilen; … fehlende Überzeugung vom Wert des Dialogs, der als ein Zeichen von Schwäche oder sogar als Verrat an der eigenen Kultur und des eigenen Glaubens interpretiert wird."

Zitat: „… und der Fremdling, der in deinen Toren ist.“ Gemeinsames Wort der Kirchen zu den Herausforderungen durch Migration und Flucht, Bonn / Frankfurt am Main / Hannover 1997
 

„ … die Familien der Flüchtlinge … in den Flüchtlingslagern, in die sie eingewiesen werden, gibt es nicht nur Schwierigleiten der Unterbringung und persönliche Schwierigkeiten, die an das Traumata und den psychologischen Stress gebunden sind, die aus den tragischen Erfahrungen heraus entstehen, die die Flüchtlinge durchlebt haben. … Man muss sich dafür einsetzen, dass … ihnen eine Unterkunft zugesichert wird, die ihren Bedürfnissen entspricht.“

Zitat: Papst Benedikt XVI, Botschaft zum Welttag der Migranten und Flüchtlinge, 2007


Interview

der Süddeutschen Zeitung mit dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber:

 

SZ: Man kann … sagen: Wir müssen Flüchtlinge abwehren, weil sonst die Armutswanderung unsere Finanzen und unsere Gesellschaft überfordern. Liberalität sei hier blauäugig.

Huber: Es trifft nicht den Kern, wenn den Kirchen in der Migrationsdebatte Blauäugigkeit vorgeworfen wird. … Es gibt neue Asyl-Gründe, geschlechtsspezifische Verfolgung zum Beispiel oder die Verfolgung, die geschieht, weil jede staatliche Autorität zusammengebrochen ist. Diese Asylgründe müssen jedoch individuell glaubhaft gemacht werden. Aber diese Verpflichtung gegenüber den Opfern von Verfolgung soll unantastbar bleiben. Darüber hinaus kann und sollte ein Land festlegen, welche und wie viele Migranten es ins Land lässt. Dazu hat das neue Zuwanderungsgesetz ja die Tür geöffnet. Und da darf der Staat durchaus im eigenen Interesse auswählen. Beide Gruppen, Flüchtlinge und Migranten, sollte man klar voneinander unterscheiden. Es gilt das Gebot der Nächstenliebe, der Solidarität mit den Verfolgten -- nötig ist aber auch der realistische Blick auf das, was möglich ist.

SZ: Diese Trennung ist nicht mehr möglich, wenn die Aufnahmefähigkeit der Gesellschaft erschöpft ist, aber weiterhin viele Menschen Asyl beantragen. 

Huber: Das mag zwischen 1990 und 1993 so gewesen sein, als jedes Jahr Hunderttausende ins Land kamen, Asylbewerber und Aussiedler. Das war eine historische Ausnahmesituation, und deshalb kam es zum Asylkompromiss, nach einer Debatte, die auch mich sehr bedrängt und berührt hat. Die heutige Lage ist damit nicht zu vergleichen. Wenn wir heute sagen würden, dass die Grenzen der Integrationsfähigkeit erreicht sind, dann würden wir das Ausmaß von Ausländerfeindlichkeit in unsrem Land so hoch einschätzen, dass uns angst und bange werden müsste. Ich teile diese Einschätzung nicht. Es ist auch absurd, auf der einen Seite zu sagen, das Boot ist voll, und andererseits zu sehen, dass ohne Zuwanderung der demografische Wandel noch schwerer als ohnehin zu bewältigen sein wird. Wir können die demografische und die integrationspolitische Debatte nicht so trennen, als redeten wir über zwei Schiffe auf getrennten Flüssen. Wir sitzen in einem einzigen Boot -- auf einem einzigen Fluss.

Interview: Matthias Drobinski, Quelle: Süddeutsche Zeitung (SZ) vom 19. Oktober 2004