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Wenn die Seele kein Asyl findet  

 

Offener Brief an die Sozialministerin der Bayerischen Staatsregierung

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An das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Soziales

 

Sehr geehrte Frau Christine Haderthauer,

 

täglich habe ich als Internetseelsorger Menschen vor mir, deren Seelen Heimat suchen, Kranke, Betrogene, Missbrauchte, Geschlagene, Enttäuschte, Verlorene in den Gefängnissen ihrer Beziehungen, ihrer Firmen, ihrer Arbeitslosigkeit, ihrer Konventionen und Ideale, solche, die im Tod einen Ausweg sehen und solche, die versuchen, von allem zu fliehen.

Face to face kenne ich Geflüchtete aus Regimen und Regionen der Angst, des Hungers und der Perspektivlosigkeit. Asylbewerber.

Ich kenne viele in der GU-Würzburg, deren Seelen heimatlos sind und bleiben. Die nicht wissen wohin mit ihren zerbrochenen Träumen und Hoffnungen. Die nur mit Psychopharmaka leben können, die das Ausharren erträglicher machen, - vielleicht. Sie sollen ja auch nicht bleiben. Ihre Seelen brauchen kein Asyl. Ein Bett, Essen, Heizung, das muss genügen. Medizin nur, wenn es ans Leben geht.

Und wenn es an die Seele geht?

Nahezu allen sind die Zustände in ihrer Heimat unter die Haut gegangen, oft jahrelang. Nahezu allen sind die schönen Versprechungen der Schleuser unter die Haut gegangen, in Europa Wohnung, Arbeit, Zukunft zu finden und Gerechtigkeit, so wie sie sie verstehen.

Nahezu allen ist die Erfahrung der Flucht in Containern, Schiffen und LKWs unter die Haut gegangen. Nahezu alle sind geschockt von den Zuständen in Griechenland, Italien und anderen Ländern. Die es nach Deutschland schaffen, die trifft die Enttäuschung, die Wut und Trauer über die Lügen der Schleuser von einer paradiesischen Offenheit unseres Landes.

Die Verletzungen der Heimat, die Traumata der Flucht und des Ankommens, sie lasten schwer auf ihrer Seele. Und das, was danach kommt. Posttraumatische Belastungsstörungen. Flashbacks. Depressionen.

Deutsche Soldaten kennen das, die aus Krisenzonen und Krieg zurückkommen. Gut, dass ihre Seelen hier in gute Hände kommen. Gut, dass auch Asylbewerbern versprochen wird: „Personen, … die Folter, Vergewaltigung oder sonstige schwere Formen psychischer, physischer oder sexueller Gewalt erlitten haben, wird die erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe gewährt.“ (AsylblG § 6)

 

Aber sie gehen leer aus. Viele, die ich kenne, leben damit. Ihre Psychodramen finden inzwischen den Weg auf die Bühnen deutscher Theaterlandschaft. Andere machen ein Ende. Und die Trauer schreit zum Himmel. Trauer sucht sich Ventile, treibt auf die Straße. Hilflosigkeit angesichts der eigenen Ohnmacht lässt wütend werden. Wütend auf das Schicksal, wütend auf andere. Und manchmal auch wütend auf sich selbst. Da wird nach Schuldigen gesucht. Da wird mit Fingern gezeigt. Trauer will Schuldige haben. Da bleibt kein Raum für diplomatische Differenziertheiten. Die Seele darf schreien … denn für sie gibt es kein Asyl.

 

Sie, Frau Haderthauer, Sie wissen um das.

 

Sie wissen um diese verlorenen Seelen und um das politische Ringen um Gesetze, die ihnen Schutz und Heilung geben könnten. Sie wissen um parteiinterne, konträre Interessen Ihrer Mitglieder im Kabinett zur offiziellen Linie der Asylpolitik, - falls es diese Linie wirklich gibt.

 

Seit seinem Besuch in der GU-Würzburg und bei einer Flüchtlingsfamilie in Würzburg stehen Sie im Briefwechsel mit Bischof Hofmann. Lassen Sie sich unter die Haut gehen, was er Ihnen schreibt. Von den Kindern. Von den langen leeren Tagen und Jahren ihrer Eltern. Von ihren leeren Augen und kranken Seelen.

 

Lassen Sie dies bei sich ankommen, Ihre Seele berühren und bewegen.

 

Als Christin wissen Sie um die Einheit des Menschen, der kein in Seele und Körper gespaltener ist. Deswegen können Sie bei der Novellierung des Asylbewerberleistungsgesetzes nicht nur Minimal-, Grund- und Sonderleistungen im Auge haben, um die „Haut“ des Asylbewerbers zu retten, sondern auch seine Seele. Kosmetik und Makeup an Äußerlichkeiten machen sich nur in den Medien gut.

 

Menschen sind gefordert, Psychologen und Therapeuten, denen Sie über Entscheidungen der Staatsregierung und die Gesetzgebung den Weg in die Unterkünfte und in angeschlossene Kliniken bereiten können. Wie lange trauen sie ehrenamtlichen Kräften noch zu, Erste Hilfe zu leisten, bis diesen die Kraft ausgeht?

 

Von Ihnen, Frau Ministerin, sind deutliche Worte an regionale Wohnbauträger gefordert, die den Menschen aus den GUs Raum geben können, die ausziehen dürften und doch Jahre dort leben, weil ihnen keine Wohnungen vermittelt werden.

Von Ihnen ist gefordert, Asylbewerbern Zugang zu deutschem Sprachunterricht zu verschaffen. Deutsch lernen zu dürfen, das muss Standard für Flüchtlinge in Deutschland werden, wie Bischof Hofmann nach unserem GU-Besuch bei einer libanesischen Familie sagte.

 

Von Ihnen ist viel gefordert, zu viel vielleicht.

Von Flüchtlingen auch, zu viel vielleicht.

Von uns allen.

 

Damit auch heimatlose Seelen die Chance haben, hier ankommen zu können.

 

Darauf hoffe und vertraue ich.

 

 

 

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Rainer Behr

Asylseelsorger der Diözese Würzburg

 

 

 

                                                 M  o  r  g  e  n     w  e  r  d  e  n     s  i  e     k  o  m  m  e  n
 
gibmirasyl
 
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